Zwei Fallstudien
In den letzten Wochen haben mir zwei Nutzer unabhängig voneinander ihre Szenarien mitgeteilt, auf die das I Ging jeweils mit Hexagramm 64 – vor der Vollendung geantwortet hat. Im folgenden Text interpretiere ich das Hexagramm in Bezug auf diese beiden Situationen.
In Hexagramm 64 – vor der Vollendung wechseln sich die beiden Trigramme Kan, das Wasser (unteres Trigramm und zweites Kernzeichen) und Li, das Feuer (erstes Kernzeichen und oberes Trigramm) ab. Der Ausgangspunkt des Hexagramms ist Kan, das Wasser, der Endpunkt Li, das Feuer.
Kan, das Wasser, symbolisiert unseren seelischen Urgrund, den wesentlichen, stabilen und Generationen überdauernden Aspekt unserer individuellen Existenz. In diesem Urgrund ruht unsere Weisheit, unsere eigene, intuitive Lebensklugheit, unser Wesen, aber auch das generationsübergreifende Erbe unserer Ahnen. Es ist der Boden, in dem wir wurzeln und aus dem heraus wir wachsen und uns im Hier und Jetzt entfalten.
In vielen Interpretationen des I Ging wird Kan eher negativ bewertet und als gefährlich eingestuft. Ich verstehe warum: Kan hat eine Eigendynamik, die unser Intellekt nur schwer (oder gar nicht) erfassen kann. Und vielleicht ist unser Urgrund sogar der sprichwörtliche Keller voller Leichen… Aber bin ich mir ziemlich sicher, dass es in diesem Keller mindestens ebenso viele Schätze zu heben gibt. Ich vermute also, dass sich beide Aspekte in etwa die Waage halten und dass wir auf jeden Fall gut daran tun, uns mit unserem Urgrund zu verbinden. Denn alles, was wir von hier aus tun, hat eine besondere Qualität, fühlt sich in besonderer Weise richtig an.
Die beiden oben erwähnten Nutzer beschreiben sehr unterschiedliche Lebenssituationen. Ich habe versucht, ihre jeweiligen Fragestellungen in Bezug auf Kan, unseren Urgrund, zu vereinfachen (die Originalfragen sind weiter unten im Wortlaut wiedergegeben).
- Nutzerin A: Was soll ich tun – ich fühle mich zu gefährlichen Dingen verleitet.
- Nutzer B: Ich will ein rechtschaffenes Leben führen – etwas will mich vom rechten Weg abbringen.
Was bestimmt eigentlich unser Schicksal, d.h. die Qualität unserer Welterfahrung? Verlockungen in gefährliche Gefilde und auf falsche Wege wirken wie ein unheilvoller Magnetismus in eine Richtung, die uns schadet.
In den östlichen Religionen gibt es das Konzept von Karma, das oft auch als das spirituelle Gesetz von Ursache und Wirkung bezeichnet wird. Interessant wird dieses Konzept durch die Lehre von der Leerheit der Dinge (śūnyatāvāda). Diese besagt, ganz kurz gefasst, dass alle Ereignisse in ihrer Natur neutral sind (1) und erst unsere persönliche Gestimmtheit („Karma“) dazu führt, dass wir sie als positiv oder negativ erleben. Ein Beispiel: Es beginnt zu regnen. Der einsetzende Regen ist ein in seiner Natur neutrales Ereignis. Wir können es aber in unserem persönlichen Erleben als positiv („Sehr gut – mein Garten brauchte dringend Wasser!“) oder negativ („Oh nein, ich habe meinen Schirm vergessen!“) erfahren.
Unsere innere Gestimmtheit funktioniert also ähnlich wie die Frequenzwahl am Radio: Sie bestimmt, welche Musik wir hören oder Lebenserfahrungen wir machen. Gleichzeitig ist sie – als Teilaspekt unseres seelischen Urgrundes – intellektuell schwer fassbar. Am ehesten vielleicht noch, indem wir genau sehr beobachten, welche Art von „Schicksal“ sich vor unseren Augen für uns entfaltet (analog können wir ja auch an der Musik im Radio in etwa ableiten, welche Frequenz eingestellt ist).
Womit wir bei Li (das Feuer; erstes Kernzeichen und oberes Trigramm) angelangt wären. Li entspricht dem Funktionskreis Dünndarm in der chinesischen Medizin und ist damit die Instanz unseres Seins, die Wichtiges von Unwichtigem unterscheidet. Denn um nicht im Chaos zu versinken müssen wir die Fülle des Lebens und unserer Erfahrungen unweigerlich sortieren. Li differenziert unsere Gedanken, unterscheidet Fakten, klärt Beziehungen und ordnet Gefühle.
Unser seelischer Urgrund (Kan), und insbesondere unsere innere Gestimmtheit legen fest, auf welche Art wir die an sich neutralen Ereignisse unseres Lebens erfahren. Dieses Schicksal können wir nur durch die Hintertür beeinflussen: indem wir aufmerksam wahrnehmen, welche karmischen Magnetismen unsere Welterfahrung bestimmen – und mit Hilfe von Li sanft gegensteuern.
Verlockungen in gefährliche Gefilde, Verführungen auf Irrwege sind Hinweise. Hinweise darauf, dass es Anziehungen gibt, die in unserem eigenen Inneren liegen und hier und jetzt auf uns wirken. Diesen Anziehungen können wir nachgeben. Oder wir können ihnen Einhalt gebieten und gegensteuern: indem wir ganz bewusst unseren eigenen Fokus ändern und uns auf das konzentrieren, was wir erreichen wollen. Bis irgendwann der alte Magnetismus nachlässt.
Konkret könnte das so aussehen:
- Klarheit im eigenen Handeln könnte für Nutzerin A ein gutes Gegenmittel für eine undurchsichtige Beziehung sein.
- Im Fall von Nutzer B bedeutet Sebsttreue nicht unbedingt, der erstben Versuchung nachzugeben. Es ist ja auch kein Beweis von Treue zu sich selbst, wenn man der eigenen Trägheit nachgibt und die Joggingrunde ausfallen lässt oder sich die Tafel Schokolade gönnt. Manchmal mag das stimmig sein. Aber meistens ist dieses Nachgeben eher ein einem Mangel an Treue zu sich selbst – und zu den eigenen Prinzipien. Denn niemand geht regelmäßig joggen (oder verzichtet auf Schokolade), weil er immer Lust dazu hat. Sondern weil man es sich aus sehr guten Gründen vorgenommen hat und konsequent durchzieht. Persönliche Integrität ist, je nach persönlicher Disposition, immer auch ein mehr oder weniger harter Kampf gegen die eigenen Schwächen.
Weitere Fragestellungen zu Hexagramm 64
- Ausführliche Situationsbeschreibung A: Es geht um eine etwas undurchsichtige Beziehung. Die Nutzerin fragt das I Ging, was in dieser Angelegenheit für sie am besten ist.
- Ausführliche Situationsbeschreibung B: Um seine Ehe zu retten hat sich der Nutzer B radikal von einer Person abgewandt, die ihm sehr wichtig ist. Er liebt seine Ehefrau und seine Kinder. Dennoch geht ihm diese andere Frau nicht aus dem Kopf. Eigentlich möchte er so gerne ein guter Mensch sein, mit sich und der Welt im Reinen. Doch im Moment fühlt er sich meilenweit davon entfernt. Die Situation macht ihm sehr zu schaffen und quält ihn. Seine Frage an das I Ging: „Wie lange muss ich durchhalten bis das weggeht, und wie kann ich dabei nicht nur meiner Familie, sondern auch mir selbst treu bleiben?“
- In den letzten 16 Jahren war Nutzer C in ein sehr spezielles Sozial-, Lern- und Arbeitsumfeld eingebunden. Seit etwa zwei Jahren mehren sich die Anzeichen, dass dass etwas Neues auf ihn zukommt. Sollte dies der Fall sein, würde dies große Veränderungen für ihn bedeuten. Er fragt das I Ging, was sein neuer Lebenszyklus für ihn bereithält.
- Ein Nutzer schreibt: „Seit 4 Jahren habe ich sehr starke Gefühle für meine Professorin. Ich bin überzeugt, dass sie ebenfalls Gefühle für mich hat, aber bisher hat sie sich mir gegenüber immer nur 100% professionell verhalten. Meine Frage an das I Ging war, ob es in unserem besten Interesse ist, nach meinem Abschluss ein Liebespaar zu sein.“
Die aktuelle Interpretation finden Sie hier: https://www.no2do.com/hexagramme/878787.htm