Die folgende Fallstudie ist schon etwas älter und orientiert sich deswegen noch nicht an der anthropologisch-psychologischen Bedeutungstheorie Dem Weg des Dao folgen: Annäherung aus Westen, die ich erst Anfang 2022 entwickelt und veröffentlicht habe. Dennoch zeigt hier recht gut, wie die Trigramme ineinander greifen und wie man mit ihnen arbeiten kann.
Fallstudie
Ein Nutzer befragt das I Ging bezüglich seiner unternehmerischen Ausrichtung und erhält mehrfach (!) Hexagramm 48 – der Brunnen. Seine Frage bezieht darauf, nach welchen Kriterien er in Zukunft berufliche und unternehmerische Entscheidungen treffen soll: Soll er sich in Zukunft mehr an konventionellen Kriterien (Sicherheit, Entlohnung) oder an seinen persönlichen Überzeugungen (Ethik, Philosophie) und Interessen (Weiterentwicklung, Innovation) orientieren?
Hexagramm 48 – der Brunnen beginnt mit Sun, der Baum, der Wind als unteres Trigramm. Sun steht für ein kraftvolles, gleichmäßiges Hervortreten von Möglichkeiten. Dem Nutzer bieten sich also Möglichkeiten – und er sollte sie nutzen um sich selbst in verschiedenen Situationen auszuprobieren. Konkret können dies konventionelle Projekte sein, aber auch solche, die eher seinen persönlichen Neigungen entsprechen. Dabei sollte er aufmerksam auf die jeweiligen Rückmeldungen aus seinem Umfeld achten (erstes Kernzeichen, Dui, der See). Fragen wie „Wie entwickelt sich dieses Projekt?“, „Welches Projekt läuft rund, welches hakt?“, „Welches Projekt scheint auf den ersten Blick lukrativ, ist aber bei näherem Hinsehen doch unverhältnismäßig kräftezehrend?“, „Mit welchem Projekt verdiene ich zwar weniger, erschließe mir aber neue Kundenkreise?“, „Welches Projekt macht mich glücklich (und: warum)?“ – können wichtige Hinweise geben.
Unsere Kultur hat ein recht einfaches System entwickelt, um Entscheidungen zu treffen: Was mehr Geld bringt ist besser, wer mehr Geld hat, ist wichtiger, und der Stärkere gewinnt sowieso. Und solange wir selbst nicht genau wissen, was wir wirklich wollen, werden wir von unserem ebenso unwissenden Umfeld dazu gedrängt, nach diesem System zu entscheiden.
Nur leider entsprechen die Entscheidungen, die wir auf diese Weise treffen, oft so gar nicht unseren eigenen, tiefsten Überzeugungen, unserer eigenen seelischen Verwurzelung. Aber genau hier liegt das Problem: Was ist eigentlich unsere eigene, uns oft unbewusste Verwurzelung?
Tatsächlich gibt es eine Möglichkeit, herauszufinden, wo wir genau stehen, wo unsere seelische Verwurzelung ist: Wir müssen nur auf das Feedback achten, das uns unsere Umwelt gibt. Denn aus diesem Feedback unserer Umwelt können wir recht zuverlässig Rückschlüsse auf unsere eigene Verwurzelung ziehen. Und unser eigenes Inneres, unsere seelische Gestimmtheit wird für uns im Spiegel unserer Umwelt sichtbar.
Li, das Feuer, das zweite Kernzeichen, verweist auf die Fähigkeit, das Klare vom Unklaren zu unterscheiden. Konkret geht es hier darum, die Entwicklung der einzelnen Projekte aufmerksam zu beobachten. In diesem Prozess werden sich mit der Zeit Kriterien herauskristallisieren, die, wenn wir sie in unseren Auswahlprozessen anwenden – zu Entscheidungen führen, die wirklich unserem Wesen entsprechen und zu uns passen. Langfristig wird so unser Handeln im Einklang mit unseren eigenen Wurzeln stehen (oberes Trigramm; Kan, das Wasser), unsere eigene Verwurzelung stärken und nachhaltig erfolgreich sein. Ein sich selbst verstärkender Prozess.
Der Titel des Zeichens, der Brunnen, und das, was im Urteil angedeutet wird, weist möglicherweise darauf hin, dass man zwar zeitweise gegen die eigenen, tiefen Überzeugungen handeln kann (also z.B. Projekte durchführen, die nicht zu 100 % den eigenen Werten entsprechen), dass man dadurch aber seine eigene Verwurzelung nicht verändern wird („So mag man die Stadt wechseln, doch den Brunnen wechselt man nicht“). Bewegt man sich jedoch dauerhaft in fremden Gefilden, so besteht die Gefahr, dass die eigene Verwurzelung mit dem Urgrund abreißt – und das ist dann wirklich ein großes Unheil.
Weitere Fragestellungen zu Hexagramm 48
- Ein Nutzer fragt: „Werde ich mit meinem ersten Partner eine Beziehung haben?“
- Eine Nutzerin fragt: „Warum bin ich immer diejenige, die zuhört und die gibt – ohne selbst gehört zu werden, ohne selbst etwas zu bekommen?“
- Eine Nutzerin fragt: „Findet mein Partner nach der Trennung zu mir zurück und kann ich ein positiver Teil seiner Zukunftsplanung sein? Denn bisher werden meine Stärken nicht anerkannt und ich fühle mich nicht integriert. Soll ich mehr Initiative ergreifen – oder loslassen?“
Die aktuelle Interpretation finden Sie hier: https://www.no2do.com/hexagramme/877878.htm